10000 horas en Argentina

Ein Jahr im Land der Gauchos

Nach langer Zeit gibt es jetzt mal wieder Neuigkeiten von der Südhalbkugel, deren Temperaturen sich inzwischen schon in schweißtreibende Höhen gesteigert haben. Parallel zur steigenden Wärme stieg aber auch der Schweiß, den wir in der Uni lassen mussten - trotz ausreichend kalter Luft aus den vielen Klimaanlagen. Man flitzt so von einer Präsentation in die nächste Hausarbeit und schreibt im Flug nebenbei mal noch diverse Prüfungen und “Prüfungchen”, was man zu Schulzeiten wohl mit “unangekündigter Kurzkontrolle” übersetzt hätte. Dazu bearbeitet jeder Student jede Woche eine enorm umfangreiche Fallstudie aus dem realen Wirtschaftsgeschehen der Mercosur-Länder. Das ist zwar hochinteressant, aber um es ordentlich zu machen, brütet man meist auch einen kompletten Tag über der Analyse, der Lösungsfindung und der anschließenden Darstellung.

Die oft zitierte “mañana, mañana”-Einstellung von Lateinamerika - das kann sich die Uni hier nicht nachsagen lassen. Wir produzieren Papier ohne Ende, da reichen nicht mal die südamerikanischen Regenwälder, um den Bedarf abzudecken. Aus Zeitgründen gibt es also in diesem Eintrag die spannendsten Ereignisse der letzten Monate, die allerdings auch nicht so zahlreich sind. Schließlich war ja das, was wir so in der letzten Zeit von Argentinien kennengelernt haben, hauptsächlich unser argentinischer Schreibtisch ;-)

Vor Beginn des Prüfungslebens im August haben wir auch schon geschwitzt, da wir mit allen sportlichen Genen der Católica nach San Luis zu den landesweiten Olympiaden gefahren sind, bei denen 11 katholische Universitäten aus ganz Argentinien um den Pokal gekämpft haben - wie auch wir im Frauenfußball. Zur Eröffnung gab es einen katholischen Gottesdienst in einer riesigen Sporthalle, bei denen sich unsere klaffenden Lücken in den spanischen Gebetstexten gezeigt haben. Um genau zu sein, konnten wir eigentlich nur beim “Amen” mitreden. Na ja, ist immer gut, wenigstens das letzte Wort zu haben ;-)

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Eröffnung mit Sporthallen-Gottesdienst…
und unser frisch gesegnetes Team!
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Obligatorisches Mannschaftsfoto vor der Schlacht…
und der ausländische Anteil der Mannschaft (Deutschland
und USA) auf einem Haufen.
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Paparazzis am Spielfeldrand… von wegen
Frauenfußball wäre immer so langsam und langweilig!
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Geheime Mannschaftsbesprechung… gefolgt vom Händestapeln
in der Mitte und dem lauten Ausruf “Córdoba!!!”

Nachdem wir in drei Spielen Gleichstand erzielt hatten und auch ein Spiel gewonnen haben, gab es am letzten Tag noch den Deckel drauf - 4:0 gegen die superschnellen “Unterirdischen” aus dem Norden von Argentinien. Denn während alle glatt einen Kopf kleiner als ich waren, haben sie uns trotzdem im wahrsten Sinne des Wortes “abgezogen”.

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Mmmh, unwesentliche Größenunterschiede bei den Gegnern ;-)
Aber keine Chance für die Riesen aus Europa…

Am letzten Tag bekamen wir auch die Taufe verpasst, durch die Neulinge im Team immer durch müssen: Ohne Vorwarnung gab es einfach eine nicht-kosmetische und völlig natürlich am Spielfeldrand gereifte Schlammmasse ins Gesicht. Unser Trainer Pedro stand nur am Rand und lachte schadenfroh über unsere schmutzigen Gesichter. Wer dreckig lacht, muss Dreck auch abkönnen - und gegen kleine Judotricks können sich auch starke Trainer nicht wehren. 15 Sekunden später hatte auch er sich unfreiwillig an das allgemeine Mannschaftsbild angepasst ;-)

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Vor der Taufe ist nach der Taufe!

Bei der Preisverleihung reichte es dann durch eine unglückliche Tordifferenz nur zum Platz 4 von 6 Mannschaften. Nach anfänglicher Enttäuschung über die verpasste Suppenschüssel, waren wir dann aber doch alle ganz glücklich… denn die Woche war auf jeden Fall sehr spannend und hat das Team zusammengeschweißt.

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Riesengruppenfoto mit drei Mannschaften…
und unsere Mannschaft am Abend der Preisverleihung.

In den Wochen danach durfte ich allerdings erst einmal nicht mehr das Schotterfeld betreten und mir nach dem Spiel die Steinchen aus den Fußballschuhe schütten, sondern wurde meine eigenen Steine los - die Gallenblase hatte nach mehr als zwanzig Dienstjahren nun ihr Rentenalter erreicht und musste raus.

Zum Glück hat Córdoba ein sehr gutes Krankenhaus, wo die Operation recht bedenkenfrei durchgeführt werden konnte. Der operierende Arzt hatte sich sogar extra noch ein paar Brocken deutsch zusammengesucht, um mich im OP mit “Hallo, wie geht es dir?” begrüßen zu können. Viel Spanisch mussten wir dann aber auch nicht mehr sprechen, denn nachdem mir der Anästhesist die Spritze in die kleine Tankstelle an der Hand gejagt hatte, kam auch schon der Riss in meinen gedanklichen Film. Als ich wieder aufwachte, wunderte ich mich irgendwie, wo denn diese große OP-Lampe hin sei, die ich doch “eben gerade noch gesehen hatte”… aber da war die Operation wohl schon lange vorbei.
Im Krankenhaus klappte alles wirklich gut, und mit meinem privaten Pfleger Jens war ich auch in den Tagen nach der Operation bestens versorgt. Nur hat er immer so viele Witze gemacht, dass ich ganz fürchterlich lachen musste - und dann taten die kleinen Löcher am Bauch doch noch ein bisschen weh, so wie Muskelkater nach ganz vielen Rumpfbeugen vielleicht ;-)

Da ich nun selbst nirgendwo großartig hinreisen konnte, kamen die Besucher eben zu mir. So hatte ich eben deutschen Besuch aus Santiago de Chile: Miriam studiert auch an der Viadrina und schlägt sich gerade ein halbes Jahr mit dem Bildungssystem im Nachbarland herum ;-)

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Kostenloses Musik-Fontänen-Spektakel, das jeden
Tag in der Innenstadt von Córdoba stattfindet.
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Selbstgemachte Empanadas… und es gab sogar
chilenische Schokolade! Die können Deutsch dort ;-)!

Zusammen hatten wir auch gleich noch das ultimative Erlebnis, das wohl zu jedem Südamerikaaufenthalt irgendwie und irgendwann dazugehört: Rucksack auf, Handy weg. Ich habe gemerkt, dass jemand die Finger an meinem Rucksack hatte, doch als ich mich umgedrehte, war alles schon vorbei. Zwei Frauen berichteten uns von “zwei Typen”, die angeblich weggerannt wären. Ich bin mir bis heute nicht sicher, ob mir die zwei scheinheiligen Frauen oder die mysteriösen Unbekannten das Handy geklaut haben. Nun ja, was solls. Der materielle Schaden hielt sich in Grenzen, nur ein kleiner Schreck bleibt. Und wenn man bedenkt, dass in dem Rucksack auch noch mein Schlüssel und mein Portemonnaie waren, hätte es ja schlimmer ausfallen können.

Ansonsten arbeiten wir nebenbei auch fleißig daran, nach dem Jahr in Argentinien mindestens eine ganze Kuh verspeist zu haben - wir waren zum Asado bei einer Schneiderfamilie aus Córdoba eingeladen. Der Schneider selbst ist 81 Jahre alt und schneidert wohl schätzungsweise im Moment ganze 10 Anzüge im Monat, seine Frau ist 80 Jahre alt und unterstützt ihn tatkräftig dabei. Theoretisches Rentenalter… schon lange überschritten. Praktisches Rentenalter… werden sie wahrscheinlich nie erreichen ;-).

Jedenfalls dachte ich ja schon immer, dass meine Omas viel kochen würden (und das tun sie!!), aber argentinische Omas und Opas toppen das mengenmäßig noch mal um ein Vielfaches. Es könnte ja jemand nicht satt werden, wenn wir pro Person weniger als 700 Gramm Fleisch einrechnen. Die passende Übersetzung des argentinischen Wortes “Abendbrot” wäre im Deutschen wohl “Vorkochen für die gesamte Woche”.

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Der Schneider, die Schneiderin und ihr Enkel Axel.

Um den Bogen zum Anfang wieder zu finden, sei noch gesagt… ich darf wieder die Schottersteinchen aus den Fußballschuhen sammeln. Zum Ausgleich zu der ganzen Gehirnmasse, die wir in der Uni ständig aufbauen, gibt es jetzt am Wochenende zusätzliche Muskelmasse. Wir spielen in einem Turnier mit, dass noch bis Anfang Dezember läuft. Bisher sieht es gut aus: Mit 5 gewonnen und 2 unentschiedenen Spielen liegen wir in unserer Gruppe aus 10 Mannschaften auf Platz 1 - dem Einzug ins Halbfinale steht also nicht mehr viel im Weg, um dann gegen die besten aus der anderen Gruppe hoffentlich auch noch zu gewinnen. Drückt uns die Daumen!

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Immer noch die gleiche Mannschaft - aber
mit neuen Trikots!
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Ende der Fahnenstange - das
Gesicht der Torwärtin sagt alles ;-)

Da der Stressfaktor in den ersten beiden Wochen der Uni meist noch leicht unter dem Jahresdurchschnitt liegt, sind wir an den ersten Wochenenden im Semester noch ein bisschen durch die Pampa gegondelt. Am ersten Wochenende ging es nach Puerto Madryn, also nach “unten auf der Landkarte”, und auch gleich unter das Wasser zum Schnorcheln mit den Robben.

Als ich eine leichte Berührung an meinem Bein spürte, wollte ich mich gerade umdrehen und Jens erklären, dass er mich bitte nicht veräppeln solle, indem er jetzt die Robbe spielt - und habe mich dann doch irgendwie erschrocken, dass es eine echte Robbenkollision war. Die Tiere kommen direkt auf einen zu und haben eine feuchte Schnauze wie Hunde. Nun gut, das ist im Wasser irgendwie auch nicht so überraschend ;-) Außerdem sind sie ebenso neugierig… mit vorsichtigen Stupsern wurden erst einmal die Taucherbrille, die Schwimmflossen und die Hände genauer inspiziert.

Zu nah ans Land wollten wir aber trotzdem nicht gehen, da wir den Eindruck hatten, dass die Tiere unruhig wurden, wenn man sich ihrem Revier zu sehr näherte. Und wir wollten nicht austesten, ob sie vielleicht den Taucheranzug für Frischhaltefolie und den Inhalt für ihr Mittagbrot hielten…

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Die etwas größere Variante haben wir uns dann aber doch nur vom Boot aus angeschaut - vor der Península Valdés gucken zu dieser Jahreszeit jede Menge Rückenflossen, Schwanzflossen und manchmal auch ganze Wale aus dem Wasser. Als ich im Februar schon mal hier war, waren sie damals leider gerade auf Weltreise.

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Na ja, der Ansatz eines Sprunges… aber so richtig
aus dem Wasser wollten sie nicht. Wale springen
nur in typischen Nahrungsgebieten, weil sie sonst
gar nicht die Energie haben, um ihre 80 Tonnen
Körpermasse über die Oberfläche zu befördern.
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Was zusätzlich zu den Fotos noch fehlt:
Die Audio-Datei, die die ziemlich lauten,
röhrenden Geräusche im Hintergrund abspielt…
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… die etwa mit einem kräftigen Schnauben vergleichbar
sind. Während alle gespannt mit dem Fotoapparat auf
die nächste Walflosse warteten, schnäuzte ein Mann
ins Taschentuch, woraufhin ein kleinerer Junge völlig
überzeugt rief: “Da, ein Wal!!”

Zum Abschluss des Tages wollten wir noch eine Runde Sandboarden, was etwa so gut funktioniert wie mit Snowboard auf den Stellen der Piste, an denen das Gras durchschaut - also gar nicht. Es hatte passenderweise am Mittag gerade geregnet, sodass wir mit den Brettern entweder am Hang festklebten oder uns durch den Matsch kullerten. Na ja, die Fotos sehen zumindest so aus, als hätten wir richtig profihaft gleich noch Sprünge hinbekommen ;-)

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Snowboarden ist definitiv besser…

Am Wochenende danach sollte es eigentlich ab zu unseren Nachbarn nach Chile gehen, doch das wechselhafte Andenwetter machte uns einen Strich durch die Rechnung. Während in Argentinien herrlicher Sonnenschein vorherrschte, machte Chile auf der anderen Seite der Bergkette gerade einen mittelschweren Monsun durch, sodass der Pass auf mehr als 3000 Metern Höhe wegen Glatteis gesperrt war.

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Das symbolische STOP-Schild schon vor den Anden…
leider war kein Durchkommen möglich.

Stattdessen suchten wir also nach Alternativen und fuhren erst mal blindlings in den Norden, weil wir gehört hatten, dass dieser Pass wohl offen sei. Na ja, Fehlanzeige… einmal schlechtes Wetter, immer schlechtes Wetter. Und Argentinien mit leichtem Sonnenbrand ist ja eh schöner als in Chile weggespült zu werden ;-)

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Der Wegweiser zu einem Ausguck mit Blick
auf den Aconcagua, die höchste Spitze
Südamerikas…
und eine kleine Höhle, die
wir im Felsen entdeckt haben. Aber man
sieht es mal wieder an der Höhe der Tür:
Hier haben Südamerikaner gewohnt :-)
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Felszeichnungen: Wenn da nicht drangestanden
hätte, dass das historisch wertvolle Gemälde sein
sollen, hätte ich mich gewundert, wo hier in der
Einöde die Schmierfinken herkommen, die die
Wände vollmalen.
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Fahrspaß - und Unterbrechung des Fahrspaßes.

Während unser geliehener Chevrolet Corsa den Elchtest in der Pfütze locker bestand, war das Ergebnis im Geröllbrockentest eher unbefriedigend… Reifenpanne. Glücklicherweise konnten wir die Panne dank gesammelter automechanischer Kompetenz schnell beheben und schon nach 15 Minuten weiterdüsen: Auf zum Nationalpark Talampaya!

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Wenn man links im Bild “Hola” rief, hat der Berg
das gleich dreifach wiederholt… wir haben aber
nicht getestet, ob der auch Deutsch konnte :-P
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Nachdem wir auf der Reise bisher eigentlich
mehr Pech hatten - Grenze geschlossen, Reifen
geplatzt - waren wir bei unserer nächtlichen
Tour durch den Park mal zur richtigen Zeit am
richtigen Ort: Es gab eine Mondfinsternis!

Ansonsten haben wir in beiden Orten - in Puerto Madryn und auch in Mendoza - die Krankenhäuser wegen schlimmen Bauchschmerzen getestet… auch das ist eben Teil der Landeskunde. Richtig helfen konnten sie mir aber nicht. Erst im Krankenhaus in Córdoba fanden die Ärzte dann ein kleines Schotterhäufchen in der Gallenblase, sodass deren weitere Aufenthaltstage in meinem Körper ab diesem Moment gezählt waren.

Am letzten Wochenende ging es also nicht mehr ganz so weit weg, sondern noch einmal für einen Tag in das deutsche Dorf Villa General Belgrano - um unsere Geschmacksnerven mal wieder sanft an Graubrot und Schwarzbrot zu gewöhnen.

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Der dicke Bayer mit der Aspirinreklame von Bayer…
und die passende Bäuerin gleich dazu ;-)
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Lecker… Schwarzbrot und saure Gurken!
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Jede Menge deutsches Bier… das nur keiner in
Deutschland kennt. Irgendwie vermittelt das
ganze Dorf eine Realität von Deutschland, die
wir Deutschen komisch finden. Aber auch hier
hat die Rechtschreibreform schon zugeschlagen:
Herzlich WillkoMeNN!

Nachdem ich nun ein halbes Jahr lang nur über Telefon- und Internetleitung Anbindung nach Deutschland hatte, kam im Juli eine kleine Delegation persönlich aus Deutschland nach Córdoba gereist: Meine Mutti, meine Schwester und eine Freundin von mir. Nachdem wir uns eigentlich in Córdoba verabredet hatten, sind wir aber zum Empfang einfach schon mal ganz überraschend kurz nach der Ankunft in Buenos Aires aufgetaucht. Meine Schwester Luise ist erst einmal blind an mir vorbeigerannt. Mmmmh, so sehr hat man sich nach einem halben Jahr verändert ;-)

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Aufsteigendes Flugzeug am Inlandsflughafen von
Buenos Aires…
und gleich daneben die
Seebrücke mit dem Fischerclub.
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Die Blondinen in Buenos Aires: Manche Leute
fallen durch die Haarfarbe auf…
und wenn
nicht, muss man eben anders zeigen, wo man
herkommt ;-) (Es ist niemand von uns, sondern
nur eine dahergelaufene Touristin!!)
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Kurzbesuch bei meinen damaligen Gasteltern:
In Erwartung der deutschen Invasion hatten
sie auch gleich noch ganz viel Bier besorgt…
obwohl wir alle überhaupt keine Biertrinker sind ;(

Nach einem Ruhetag in Córdoba ging es auf die erste große Reise in den nordöstlichen Zipfel des Landes an die brasilianische Grenze - zu den Wasserfällen nach Iguazú. Luise war von den 21 Stunden im Schlafbus so begeistert, dass sich die Reise schon allein deswegen gelohnt hatte ;-) Auch wenn die Wasserfälle von der Höhe her lange nicht auf den Spitzenplätzen rangieren, so beeindrucken auf jeden Fall die Wassermassen, die pro Sekunde über die Felskante purzeln.

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An der Kante des Abgrundes… schon beim
Runtergucken wurde einem leicht schwindelig.
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Mit dem löchrigen Regenmantel in Foz do Iguacu…
auf der brasilianischen Seite der Wasserfälle.
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Das Essen ist schneller weg, als man denkt - einem
Touristen neben uns bissen die kleinen Coatis in
Guerillataktik die mitgebrachte Tüte an und
krallten sich alle Leckereien ;-)
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Im angrenzenden Vogelpark: Solche Papageien sind
ganz schön groß und schwer, wenn sie einem so auf
der Schulter sitzen!
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Während Paraguay sich kein Stückchen vom Iguazu-Kuchen abschneiden darf, so gibt es aber immerhin einen Punkt, an dem die beiden Flüsse Paraná und Iguazu zusammenfließen und die Landesgrenzen zwischen den drei Ländern darstellen. Selbstverständlich hat jeder Staat auf seinen Zipfel Land ein kleines Türmchen in den Landesfarben aufgestellt ;-)

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Aber natürlich gibt es in Iguazú nicht nur Wasser, sondern auch jede Menge Dschungel. Während Jens, Luise und ich Adrenalin beim Klettern und “Abseiling” (dieses Wort verwenden die Argentinier und Briten für das Runterklettern am Seil!) gesucht haben und einen Grundkurs in “Fallen bauen nach Ureinwohnerart” absolvierten, schlugen sich die anderen beiden abenteuerlustig durch den Urwald… geführt von einem Ureinwohner mit großer Machete am Gürtel.

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Na ja, auch wenn es steil aussieht - der Felsen zum
Klettern war eher Anfängerniveau…

Die argentinische Seite der Wasserfälle ist insgesamt viel größer und aus meiner Sicht auch empfehlenswerter, weil es einfach abwechslungsreicher ist. Aber nach zwei Tagen Iguazú sieht dann ein Wasserfall auch wie der andere aus ;-)

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Kleine Tröpfchenwolken, die aus den
Wasserfällen hervorsteigen…
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…und bunte Regenbögen. Wir waren uns alle einig,
dass wir niemals solche kitschigen Postkarten kaufen
würden… wo der Regenbogen so aussieht, als hätte
man ihn mit Photoshop dazugemalt ;-)
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Mit Booten konnte man direkt in die spritzende
Wassermenge fahren. Das Erlebnis kommt etwa
einer riesigen Dusche gleich. Man sieht nichts
und es ist einfach nur NASS!

Direkt von der absoluten Feuchte ging es dann ab nach Salta in die staubige Trockenheit… nach zwei Tagen war der rote Feinstaub einfach an allen möglichen und unmöglichen Stellen. Mit einem 4×4-Jeep ging es wieder einmal entlang der bekannten, 5000 Kilometer langen Ruta 40 - berüchtigt vor allem für die vielen tiefen Schlaglöcher auf der Schotterpiste.

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An der Bushaltestelle steht es angemalt: Nach
Alemania geht es links um die Ecke ;-)
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Die typischen Straßenverhältnisse auf der Ruta 40:
Mal steiler Abgrund,
mal einfach riesige Teiche
zum Durchtauchen…
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Leicht gestellte Fotos… das Lama war angebunden
und die Wand war auch nicht senkrecht… aber
Optik ist eben alles ;-)
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Für dieses Foto musste ich mich am Schild festhalten,
um nicht vom Andenwind weggewedelt zu werden!

Während man in Argentinien Eisenbahnschienen eigentlich eher total verrostet und verbogen vorfindet, gibt es noch eine funktionierende Eisenbahnstrecke von Salta nach San Antonio de los Cobres, die in früheren Zeiten zum Transport von Rohstoffen gedient hat. Im Zuge der Touristisierung des Landes wurde der Zug in “Tren a las Nubes” (Zug in die Wolken) umgetauft und zum Personentransport umfunktioniert. Nachdem die Gleise auch hier in den letzten zwei Jahren verrostet sind, fuhr der Zug am 6. August 2008 zum ersten Mal wieder.

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Im wahrsten Sinne der “Zug in die Wolken”. Daneben
ist eine Präinkasiedlung zu sehen, zu der man auf einem
superschmalen Pfad hochfahren musste und damit die
Bauchspeicheldrüsen der Hinterbankbesatzung im Jeep
ordentlich anregte.
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Abendessen bei einer Grundschullehrerin in San Antonio:
In regelmäßigen Abständen fahren Vertreter der Schule
durch die Provinz und sammeln schulpflichtige Kinder ein,
die dann nur in den großen Ferien und zu wichtigen
Feiertagen nach Hause gelassen werden.
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Das Viadukt für den Zug in 4200 Metern Höhe. Die beiden
Jungs daneben wohnten direkt am Fuße des Viaduktes…
und haben in ihrem Leben wahrscheinlich auch noch nicht
viele andere Orte als die Einöde dort gesehen.
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In der Salzwüste “Salinas Grandes” - kleine
Salzwasserbecken
und kleine Männchen im Ohr…

Auf der Rückreise nach Córdoba wurden wir mitten in der Nacht erst einmal unsanft aus dem Bus geschmissen… Drogenkontrolle. Während der Beamte die gesammelten Schätze meiner Mutti an sich riss und wir aus Angst um die zerbrechlichen Gegenstände schon abwechselnd “Vorsicht!!” und “Cuidado!!” riefen, griff er jedoch mutig direkt in die Tüte - und fasste ausgerechnet in den ausgetrockneten Kaktus mit den pieksigen Stacheln. Den Rest der Rucksäcke kontrollierte er nur mit einer Hand, während er die angestochene kontinuierlich bepustete. Wer nicht hören will, muss eben fühlen ;-)

Ich stelle fest, ich muss entweder langsamer alles hier erleben, weniger Fotos schießen oder einfach schneller schreiben… ;-) Jedenfalls stapeln sich schon die Bilder aus den letzten beiden Wochen.

In Argentinien kamen ebenfalls die EM-Wellen an, auch wenn die Spiele sicherlich nicht solche Begeisterungsflut wie in Europa ausgelöst haben. Das argentinische Fernsehen hatte auch so seine leichten Problemchen bei der Übertragung. Beim Spiel gegen Kroatien hatte Deutschland auf einmal die portugiesische Flagge, und die Namen der deutschen Spieler drehten grundsätzlich halbe Knoten in die Zungen der Kommentatoren: “Sweynsteyger, Kurandschi, Hitselspercher” ;-)

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Da haben sich wohl ein Ire und eine Argentinierin mit
in das Bild von Anja geschlichen… aber gut mit
Deutschlandfahnen getarnt und quasi
zwangseingebürgert ;-)

Neben der EM-Aufregung schnellte der Adrenalinspiegel aber auch noch durch andere Ursachen in die Höhe - im kleinen verschlafenen Örtchen “La Cumbre” (Der Gipfel) in den Bergen von Córdoba. Das Dorf ist vor allem für eine Sache weltberühmt: Paragliden. Im Jahr 1999 fand hier die Weltmeisterschaft statt - und auch der Herr, der mit mir unter dem gleichen Schirm hing, erklärte mir, dass er schon seit 16 Jahren fliegen würde und bereits bei diversen Weltmeisterschaften in der Luft gewesen wäre. Mit dem Gedanken, dass er sicherlich nicht gerade genau an DIESEM Tag abstürzen würde, konnte ich dann auch locker sehen, dass er während des Fluges ganz lässig diverse SMS beantwortete ;-)

Als er fertig getippt hatte, meinte er plötzlich: “Señorita, un poco de adrenalina?” Nichtsahnend nickte ich natürlich begeistert… und schwupps, da war der Schirm auf einmal neben uns und wir drehten uns wie in einer Schraube! Das heißt, mein Magen blieb stehen und der Rest meines Körpers drehte sich ;-) Aber es wurde schnell wieder besser… und bei dem bisschen Blut, was noch in dem ganzen Adrenalin in den Adern floss, merkt man sowieso nichts mehr.

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Da war der Boden unter den Füßen weg…
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…und befand sich etwa 500 Meter weiter unten.
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Interessanterweise war unser Startplatz auch gleichzeitig unser Landeplatz - also kein Nettohöhenverlust in den 20 Minuten ;-)

Nachdem wir uns beim Paragliding noch über “diese tollen hohen Berge” gefreut hatten, merkten wir in der Woche danach auf unserer Radtour jeden einzelnen Höhenmeter in den Muskelfasern ;-) In sechs Tagen haben wir zwar nur rund 260 Kilometer zurückgelegt - aber gesammelt immerhin endlose 4500 Höhenmeter laut GPS-Auswertung.

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Strahlender Sonnenschein auf der gesamten Fahrt:
Immerhin haben wir umgerechnet gerade Dezember!
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Besteigung des Zuckerhutes, der allerdings weitaus
höher und schweißtreibender als das Original in Rio
de Janeiro ist: Wer sein Fahrrad liebt, der schiebt…
und wir hatten eine echte Affäre an diesem Tag ;-)
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We’ve come a looooooong way… der sich erst
beim Herunterfahren so richtig in Vergnügen
verwandelt hat!
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Die Sierras von Córdoba sind nicht unbedingt eines der absoluten Must-Have-Seens von Argentinien, da einen viele Stellen rein gefühlsmäßig so in etwa in die Alpen beamen. Aber allein für die neuen Muskelzellen, die tollen Sonnenuntergänge und die vielen spannenden Leute, die wir unterwegs getroffen haben, hat es sich absolut gelohnt. Gerade ein einziger Tourist ist uns in der ganzen Zeit vor die Räder gelaufen - und so haben wir oft den halben Abend mit den Besitzern unserer Herbergen verschnattert. Für die war das meist die ultimative Attraktion, dass jemand mit dem Fahrrad zu ihnen kam ;-)

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Sonnenuntergang - ganz oben in den Sierras!
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Kleine Vogelspinnen, bissige Ameisen - und riiiiiesige
Heuschrecken. Nie dachte ich, dass die so groß
wären… das 50-Centavo-Stück liegt zum Vergleich
daneben. Fast eine komplette Mahlzeit ;-)
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Ein Zwischenstop beim verblichenen Luxushotel Edén war natürlich ebenfalls auf dem Pflichtprogramm. Während es um die letzte Jahrhundertwende das absolute Prunkschloss war, in das namhafte Leute wie Albert Einstein eingekehrt sind, ist es heute eigentlich nur noch eine wackelige und zerfallene Ruine mit finanzschwachen Investoren. Zu Zeiten des zweiten Weltkrieges war es in Händen von deutschen Besitzern, die sehr gute Verhältnisse zum damaligen Regime in Deutschland hatten. Diverse CIA-Dokumente, die heute dort ausgestellt sind, behaupten, dass ein gewisser Herr hier nach 1945 verdeckt weitergelebt hat. Wichtigtuerei, Wahnsinn oder Wahrheit?

Seltsam fanden wir, dass das auf dem Dach thronende Logo des Hotels ist der Reichsadler war, so wie er vor 1945 verwendet wurde - und man im Souvenirshop gleich auch noch T-Shirts damit kaufen konnte. Als wir den Verkäufern dort erklärten, dass man in Deutschland ein solches Kleidungsstück nicht tragen könnte, ohne sich dabei zu einer entsprechenden politischen Haltung zu bekennen, guckten sie dann doch ganz schön erschrocken ;-)

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Hoten Edén: Der ehemalige Prunk lässt sich
nur noch mit viel Vorstellungskraft erahnen.
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Sanfte Vorbereitung für Iguazú :-) Und immer
wenn hier ein paar Steinchen schief stehen,
gibt es grundsätzlich eine Legende mit
irgendwelchen Außerirdischen dazu - wie
auch bei den “Terrones”.
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In zwei Wochen ist meine Probezeit vorbei - aber
schon klar, dass ich ampeltechnisch in Lateinamerika
eher noch mehr verdorben werde, nicht wahr?

Immerhin gab es in dem Ort einen Schutzengel ;-)

Zurück von der Reise, ging es hier in Córdoba gleich voll weiter. Im Moment ist gerade die Zeit der Abschiedsfeten - das Semester ist vorbei, es geht in die wenigen Wochen Winterpause und die meisten der Austauschstudenten fahren wieder nach Hause. Unten sieht man die vier von Anja geklauten Bilder vom Hamburgerabschlussessen im Gartenhäuschen von Pedro, dem Trainer unserer Fußballmannschaft - das mit 80 qm ganz klein gehalten war, so im Vergleich zu den 300 qm Wohnfläche seines riesigen Luxushauses daneben ;-).

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Die Rasselbande vom Fußballplatz… und
der Dompteur auf dem rechten Bild dazu.
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Diesmal gab es weiche (Fuß-)Bälle aus Zuckerwatte :-)

Und auch am nächsten Tag gab es wieder leckeres Essen, denn am 9. Juli ist hier der argentinische Nationalfeiertag. Und wie sich das die Argentinier so überlegt haben, kann man ja an einem freien Tag auch etwas mehr Zeit zum Kochen verwenden. So haben wir im Haus unserer Tangolehrerin “Locro” zubereitet und gegessen - ein aufwendiges Gericht aus unzähligen Zutaten, das eigentlich nicht besonders schmackhaft aussieht… was aber definitiv täuscht ;-)

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Kürbis, Mais, diverse Teilchen vom Rind, Würstchen…
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Unsere Tangolehrerin Veronica beim Pusten…
und alle beim Löffeln der Suppe, die nach
argentinischer Meinung gar nicht als Suppe zählt.

Nachdem wir also durch den Nationalfeiertag quasi schon in meinen Geburtstag reingefeiert haben, mussten wir am Abend natürlich auch wieder “herausfeiern”. Stilecht argentinisch gab es Asado: Gegrilltes Fleisch (an deutschen Maßstäben gemessen in fünffacher Menge) und Choripan (eine Art grobes Würstchen mit Brot, Gewürzen, Mayonese und Salat). Dazu gab es natürlich auch deutsche Elemente: Kartoffelsalat mit sauren Gurken und Nudelsalat. Worte sind eigentlich kaum nötig - die Bilder sprechen für sich.

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Die deutsch-argentinische Sofabesetzung - und die
wissenschaftliche Zusammenstellung der Choripans.
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Auf dem rechten Bild bin ich mit Mati abgelichtet - ein
Argentinier, der auch schon ein Jahr in Tübingen studiert hat.
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Die leckere Torte von meinen Vermietern… und
noch ein Stückchen Fleisch zum Naschen hinterher ;-)
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Auch unser halbes Fußballteam war natürlich wieder
mit dabei.
Auf dem rechten Bild sieht man
die Mädels, die man nur einmal rufen muss, um alle
anzusprechen: Juli, Uli und Luli ;-)
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Die ganze lateinamerikanische Sippe: Antonio (Mexiko),
Max (Guatemala), Guillermo (Mexiko), ich,
Lorena (Kolumbien) und Pablo (El Salvador).

Nach genau einer kleinen Uhrzeigerumdrehung erreichten wir Salta, den Startpunkt unserer achttägigen Reise in das nördliche Hochland von Argentinien. Diesmal waren wir ein komplett deutsches Expeditionsteam: Maria, Yvonne, Jens und ich. Mit der Wahl unseres fünften Mitgliedes - dem Mietauto - hatten wir uns allerdings leicht vergriffen. Der nur in Südamerika vertriebene VW Gol ist nicht einfach nur ein Golf, dem ein F abgefallen ist, sondern vielmehr eine abgespeckte und klapprige Variante aus der Polo-Gruppe.

Salta, die Hauptstadt der gleichnamigen Provinz, ist ein hübsches Örtchen, bietet aber auch keine bahnbrechenden Neuigkeiten im Vergleich zu Córdoba. Viele Kirchen, alle Straßen im Schachbrettsystem und irgendwie eben auch die gleichen Straßennamen. Die sind ohnehin in allen Städten etwa gleich, da die Argentinier bei der Benennung ihrer Straßen nicht so viel Fantasie versprüht haben ;-)

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Farbenfroh sind die Städte hier alle, ob nun durch
massive CocaCola-Werbung
oder flotte Kirchen.

So sind wir mit dem Drang, Neues zu sehen, auch recht schnell aus der Stadt ins Umland entschwunden… hoch auf 4000 Meter, ab in die Salzwüste! Nachdem wir mit dem Auto schon halb über die Salzfläche gebrettert waren, stellten wir auf einmal fest, dass die Bezeichnung “Wüste” völlig unsinnig ist: Unter der dicken Salzschicht war Wasser, genau wie in einem See!

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Auf dem Weg in die Salzwüste: Nein, ich bin nicht
lebensmüde… aber Autos pro Stunde kann man
hier mit einer Hand abzählen ;-)
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Nur fliegen ist schöner ;-)
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Sonnenuntergang in der Salzwüste…
jede Minute ein bisschen anders.
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Spät am Abend sind wir dann aus der inzwischen stockdunklen Salzwüste in das nächste Dorf getuckert. “Ist das ‘ne Baustelle oder schon die Straße?” - die erschrockene Frage von Jens lässt die zwischenzeitlichen Straßenverhältnisse in etwa erahnen.

In Tilcara angekommen, wurden wir per Mund-zu-Mund-Propaganda von einer Tür zur nächsten geschickt, um uns Unterschlupf für die Nacht zu besorgen… bis wir wohl die falsche Klingel erwischten. Ein freundlicher Herr machte die Tür auf, und Maria fragte ihn fröhlich, ob es noch Platz bei ihm gebe. Mit einer einladenden Handbewegung meinte er trocken: “Platz gibt es schon, aber keine Betten mehr!” Drinnen saß eine Familie mit vielen Kindern am Abendbrotstisch… auch wenn das kein Hostel war, reingelassen hätte er uns ganz sicher ;-)

Trotz gelegentlichen Verwechslungen mit Baustellen wussten wir die Straße bis dahin wohl nicht zu schätzen, denn dann kam die ultimative Belastungsprobe für den kleinen Gol: Wir wollten einen kleinen Abstecher in das Bergdorf Iruya machen, und so ging es stolze 54 Kilometer über Schotterpisten mit tiefen Fahrrinnen und mit gelegentlichen Bachüberquerungen - ohne Brücke, versteht sich. Nach ganzen 15 Kilometern gab es plötzlich einen lauten Knacks… und die Gangschaltung ließ sich wie ein Kochlöffel in der Suppe bewegen.

Zum Glück hatten wir uns für unsere unfreiwillige Pause aber einen strategisch günstigen Ort ausgesucht, sodass wir ins zurückliegende Dorf nur etwa 10 Minuten zurückwandern mussten. Während Jens und Yvonne also beim Auto blieben, liefen Maria und ich los. Eine rote Rundumleuchte auf dem Kopf wäre wohl unauffälliger als ihre blonden Haare gewesen, sodass uns schnell alle Augenpaare im Dorf folgten, als wir auf den Marktplatz kamen. Nach ein paar Nachfragen wurden wir zu dem Herren im Dorf weitergereicht, der das Werkzeug besaß… und der uns dann gemeinsam mit seinem Gehilfen und seiner kleinen Tochter in seinen uralten Ford Falcon einsackte und zu unserem Auto fuhr. So richtig stilecht mit Gangschaltung am Lenker und einer durchgezogenen Sitzbank vorn im Auto ;o)

Angekommen an der Stelle, wo unser VW Gol still am Wegesrand lag, hatten sich auch schon ein paar weitere Herren eingefunden. Während sich der von uns angeschleppte Automechaniker sogleich schwungvoll unter das Auto rollte, machten die dazugekommen Herren ihre Späßchen: “Klar, ein deutsches Auto… das MUSS ja schiefgehen!” Tatsächlich war die Verbindung zwischen Gangschaltung und Getriebe auseinandergegangen, doch nach einer halben Stunde rollte sich der Herr wieder unter dem Auto hervor und verkündete den Erfolg: Alles wieder ganz!

Für diese Rettung fernab der Konkurrenz dachten wir uns nun, dass der Herr sein Monopol wenigstens ausnutzen würde und uns richtig abkassiert - aber mit umgerechnet 6 Euro für Anfahrtsweg und Arbeitskosten lag er da doch weit unter unseren Erwartungen. Wir haben ihm also 10 Euro und eine Flasche Wein gegeben… und er strahlte über beide Ohren ;-) Und wir natürlich ebenso, denn schließlich konnten wir weiterfahren!

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Berge wie auf der Modelleisenbahnplatte, tolle
Haarnadelkurven am Berghang…
und einen kleinen
bunten Friedhof haben wir auch entdeckt ;-)

Allein für die Autofahrt hat sich der Abstecher nach Iruya schon gelohnt, doch auch das Ziel war den Weg wert: Nach einer Nacht in dem eigentlich schon fürchterlich abgelegenen Iruya ging es weiter in ein Dorf, dass diese Abgeschiedenheit noch einmal toppte: In einem zu dieser Zeit weitgehend ausgetrockneten Flussbett hüpften wir von Stein zu Stein viele Kilometer bergauf nach San Isidro.

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Die Oma und der Opa, bei denen wir in Iruya
übernachtet haben… wir wollten sie bei der Abreise
am liebsten in den Kofferraum packen ;-)
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Wenn die Sonnenschutztube mal alle ist: Esel
schmeißen sich einfach nur ordentlich in den Dreck,
bevor der sonnige Teil des Weges beginnt ;-)

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Treffen sich zwei Ziegen auf einer Brücke…
oder zwei Esel und ich ;-) Nein, wir haben
uns dann natürlich vorsichtig aneinander
vorbeigeschlängelt.

Das kleine Dorf San Isidro lag über mehrere kleine Hügel verteilt auf dem Berg. Natürlich durfte eines der wichtigsten Elemente einer argentinischen Siedlung nicht fehlen: Auf einer der wenigen ebenen Flächen im Dorf gab es einen Fußballplatz. Stromleitungen gab es allerdings nicht - so wurde der Strom über ein paar Solarzellen in der Dorfmitte erzeugt und dann mit riesigen Batteriekomplexen gespeichert. Straßen gab es auch nicht - mit Autos war das Dorf nicht zu erreichen, sodass alles, was nicht aus der Eigenproduktion stammte, auf Eseln hochgeschleppt wurde. Der wohl einzige Laden im Dorf war winzig, hatte aber eine Produktpalette wie Walmart… es gab einfach alles! Ein ganz besonderes Schmankerl: Karten, um Guthaben auf das Handy zu laden. Nicht dass man in diesem Niemandsland irgendwo Empfang hatte. Aber gut zu wissen, dass man zumindest theoretisch mit der Außenwelt kommunizieren könnte ;-)

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Nachrichtenübermittlung hinter den sieben Bergen:
Über eine Kreidetafel werden die über 65-jährigen
Bewohner des Dorfes informiert, dass sie sich bitte
zur Grippeschutzimpfung einfinden mögen ;-)

Daneben das Stromlager der örtlichen Schule.
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Nicht viel von jedem, aber eine Auswahl wie im
Shoppingcenter: Der Dorfkonsum!

Um noch vor Sonnenuntergang bis an die bolivianische Grenze zu kommen, wackelten wir also in der glühenden Mittagshitze zurück nach Iruya. Alle Einheimischen machten ganz gediegen Siesta, nur ein paar vereinzelte Esel trottelten ziellos in der Gegend herum, aber die Touris sprinteten elanvoll und schwitzend über die Steine zurück. Leider hatte die Sonne auf uns nicht die energieerzeugende Wirkung wie bei den Solarzellen im Dorf - so erledigt wie nach der Wanderung haben wir uns wohl schon lange nicht mehr gefühlt. Aber eine Wanderung ohne senkrechte Sonnenstrahlen ist halt nur die Warmduschervariante… kann ja jeder ;-)

Nach der Hitze an diesem Tag bekamen wir dann auf dem Weg zur bolivianischen Grenze allerdings noch etwas Abkühlung. Erst hatte ich das Straßenschild “Vorsicht Glatteis” angesichts der Temperaturen ja für völlig unbeachtenswert gehalten, aber als dann plötzlich im Augenwinkel ein gefrorener Wasserfall an der Fensterscheibe vorbeirauschte, habe ich dem Schild dann doch signifikant mehr Bedeutung beigemessen. Falls jemand rein physikalisch erklären kann, woher ein gefrorener Wasserfall bei mindestens 20°C über Null auftaucht, so möge er bitte einen Kommentar schreiben!

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Um nicht direkt in der windigen Grenzstadt La Quiaca übernachten zu müssen, fuhren wir auf argentinischer Seite weiter ins etwa 20 Kilometer entfernte Yavi. Zu unserer Überraschung schien dies eine komplette Geisterstadt zu sein: Alle Fensterläden verriegelt, keine Leute auf der Straße, in keinem Hostel öffnete man uns die Tür… schon etwas mulmig. Endlich fanden wir ein Haus mit genau vier Betten und erfuhren auch, was es mit der nächtlichen Ausgestorbenheit auf sich hatte: Bedingt durch die Höhe und Lage des Dorfes hat man tagsüber um die 30°C, während nachts die Temperaturen meist ein ganzes Stück unter den Gefrierpunkt rutschen. Heizungen sind aber eher Luxus, sodass man also bei Sonnenuntergang einfach alles abdichtet, das Wärme nach außen lässt… und eigentlich auch gar nicht mehr das Haus verlässt. Nach einer Portion Lama mit Andenkartoffeln (eine Art Pellkartoffelverschnitt) ging es dann auch schlafen: Mit T-Shirt, Pullover, Anorak 1, Anorak 2, Schal, Handschuhen und drei Decken ;-)

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Eine kleine Kaktusblüte… und ein hübscher Hauseingang.
Auf der einen Türseite steht mit Kreide “Eingang”,
auf der anderen “Ausgang” geschrieben.
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Aufschrift des Hauses: “Hier lernt man, die Heimat zu
verteidigen”. Na ja, auch die Armeestützpunkte sind in den
Anden halt etwas kleiner geraten ;-)
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Lama von irgendwelchen Ureinwohnern gemalt,
Lama auf dem Straßenschild…
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… und Lama, bevor es auf den Teller kommt ;-)

Wie wir in Yavi erfahren haben, gibt es in dieser Geisterstadt nur eine Grundschule, die bis zur 6. Klasse führt. Wer sein Kind auf eine weiterführende Schule schicken möchte, muss es dann nach La Quiaca geben. Schlimm hört sich das eigentlich erst an, wenn man weiß, dass es keinen organisierten Fahrdienst und auch kein Internat gibt. Man sucht für sein Kind also eine Art WG mit anderen Schülern zusammen oder mietet ein Zimmerchen in einem der Außenbezirke - für sein 12-jähriges Kind! Dafür eignet sich eine Stadt wie La Quiaca ja hervorragend: Auch wenn es einen Teil seiner Bekanntheit durch die Lage an der Nordspitze Argentiniens erlangt hat, so geht doch der andere Teil auf die bleihaltige Grenze und den Drogenumschlagsplatz zurück.

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Links an der Nordspitze Argentiniens, rechts an der
Südspitze im Februar 2008. Man sieht den argentinischen
Toleranzbereich… die Strecke vom Norden in den Süden
ist 50 Kilometer kürzer. Klar, geht ja auch bergab - und
was sind schon 50 Kilometer in argentinischen Maßstäben!

Auch die bolivianische Grenzstadt Villazón ist nicht merklich einladender als das argentinische Pendant. Den Einblick, den man dort von Bolivien erhält, repräsentiert das Land aber sicherlich ebenso wenig wie beispielsweise die Polenmärkte Polen darstellen. Kaum übertritt man die Grenze und stellt seine Uhr eine Stunde zurück, fühlt man sich aber auch wie in einem anderen Film. Koka wird nicht unter der Hand angeboten, sondern in großen Plastesäcken an jeder Ecke verkauft - schließlich ist in Bolivien sowie in den nördlichen Provinzen Argentiniens der Besitz legalisiert.

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Eine komplett offene Grenze: Es gibt schon
Kontrollen an beiden Seiten. Aber alternativ kann
man auch einfach in der Mitte ohne Passkontrolle
durchspazieren ;-)
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Verkauf in rauen Mengen:
Ein Kokaverkäufer mit einigen Kilos Laub.
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Als wir nach unserem Kurztrip von Bolivien wieder nach Argentinien einreisen wollten, schüttelte der bolivianische Grenzbeamte aber erst einmal freundlich den Kopf. Da wir einen Einreisestempel von Bolivien mit dem aktuellen Datum im Pass hatten, hätten wir mit der Ausreise 24 Stunden warten müssen - denn Ein- und Ausreise dürften nicht am gleichen Tag erfolgen. Möchte man nur ein paar Stunden auf der anderen Seite verbringen, zeigt man seinen Pass einfach weder bei der Einreise, noch bei der Ausreise… und bekommt auch keinen Stempel.

Da wir nun aber einmal den Ausreisestempel von Argentinien und den Einreisestempel von Bolivien in unseren Pässen verewigt hatten, mussten wir auch irgendwie wieder zurück. Also liefen wir zum argentinischen Grenzbeamten, dem wir unser Problemchen erklärten. Er guckte sich mein Studentenvisum und unsere Pässe an und meinte zwinkernd: “Ihr müsst den Grenzbeamten einfach so lange überzeugen, bis ihr den Stempel bekommt. Ich weiß, dass die manchmal Ausnahmen machen.”Also wieder umgedreht und zurück zur bolivianischen Grenze. Als wir unsere kleine Überzeugungsrede mit “Der argentinische Beamte hat gesagt, dass es Ausnahmen gibt…” begannen, schmunzelte der Bolivianer schon los. Nach drei Minuten weichklopfen hat er die Stempel endlich in unsere Pässe gedrückt. Na bitte, geht doch ;-)

Der nächste argentinische Beamte bei der Wiedereinreise nach Argentinien hat uns dann noch einmal die Logik der argentinischen Rechenkunst vorgeführt. Schreibt er mir unter meinen Einreisestempel, dass mein Visum bis zum 12. Dezember 2008 gültig sein würde. Auf meine Nachfrage, wie er denn auf dieses Datum komme, meinte er völlig überzeugt: “Na ist doch logisch, 10 Monate ab dem Ausstellungsdatum 06. Mai ergibt den 12. Dezember!” Mmmmh….

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Auf einer Festung mit der Nachbildung einer damaligen
Bewohnerin. Die waren hier schon immer so klein ;-P
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Ein Beispiel für ein wirklich ungestelltes Foto: Ich gucke
in eine dunkle Kammer der Festung, nehm ahnungslos
meine Sonnenbrille ab… und bekomme ein Blitzlicht
entgegengeschmettert ;-)

Von den letzten beiden Tagen gibt es eigentlich weniger spannende Ereignisse, sondern mehr hübsche Überreste auf unseren Netzhäuten und Speicherkarten. Und eigentlich habe ich ja in diesem Eintrag auch schon genug Text geschrieben ;-)

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Fast zu Hause: “Schlucht von Deutschland”
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Man gewöhnt sich an die gelegentlichen
Hindernisse auf dem Weg ;-)
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